Brad Leithauser über die Freuden der Dickens-Lektüre
— Brad Leithauser
Ein anregender Artikel über die Freuden der Dickens-Lektüre von Brad Leithauser beim New Yorker.
21. Oktober 2012 Hinterlasse einen Kommentar
Pickwick Papers | 13. Kapitel: S. 236 – 255
13. Kapitel: Some Account of Eatanswill; of the State of Parties therein; and of the Election of a Member to serve in Parliament for that ancient, loyal, and patriotic Borough
Tief in der Dickens-Lektüre versunken, die mich tatsächlich schon bis zu jenem schaurigen 21. Kapitel geführt hat, in dem mir ein alter Mann in einer Spelunke etwas über Geister und seltsame Klienten berichtet und habe darüber mein kleines Lektüreblog vernachlässigt. Schande über mich. Ausgerechnet das 13. Kapitel, in dem mich Mr. Dickens in jenes legendäre Eatanswill führt, um dort Zeugen einer wunderlichen Polit-Posse zu werden.
Dickens und die Politik – vermutlich haben fleißige Literaturwissenschaftler darüber schon ausgiebig nachgedacht, geforscht und diskutiert. Jenes Eatanswill taucht, wenn Sie einmal den Suchschlitz bei Google benutzen, auch heute noch in der kritischen Politikberichterstattung der anglo-amerikanischen Presse auf. Schildert der gute Dickens just in diesem 13. Kapitel der „Pickwicker“ doch den Dauerstreit zwischen den „Blues“ und den „Buffs“ und damit auch den immerwährenden Kampf zwischen den beiden Zeitungen, die die jeweilige politische Partei begleiten: Die Gazette, die die Grundsätze der „Blues“ vertritt und der Independent, der den „Buffs“ nahesteht.
Die Herren Pickwick & Co. reisen also in jenes Städtchen, das auf keiner Landkarte zu finden sein wird, in dem gerade die Wahl für den Abgeordneten zum „Commons House of Parliament of the United Kingdom“ ansteht. Eine außerordentlich wichtige Wahl, bei der die Etanswiller zwischen dem ehrenwerten Mr. Samuel Slumkey für die „Blues“ und Mr. Horatio Fizkin für die „Buffs“ entscheiden können. Mr. Pickwick kann nicht ganz objektiv an die Wahlbeobachtung herangeht, ist er doch auf Einladung seines neuen Freundes Mr. Perker in Etanswill – und der ist der Anwalt von Mr. Slumkey, also ein „Blauer“.
Was folgt ist die Schilderung eines Wahlkampfes, wie er auch heute noch zu beobachten wäre: Kaum unterscheidbare Kandidaten, dafür aber jede Menge Schimpf und Schande, verbreitet über das jeweilige Presseblättchen. Dazu Wahlwerbegeschenke – hier in Form von grünen Sonnenschirmen und gemeinen Versuchen, die Wahlkraft der Gegenseite zu schwächen. Schließlich aggressive Reden, Tumulte gar und dann – einen Gewinner. Wenn Politiker über ihr Ansehen klagen, dann sei ihnen die Lektüre des 13. Kapitels der „Pickwicker“ empfohlen. Denn schon damals zeigten sich die gleichen Ursachen für Politikverdrossenheit – gelernt hat daraus aber offensichtlich noch keiner.
27. November 2011 Hinterlasse einen Kommentar
Pickwick Papers | 11. Kapitel: S. 211 – 229
11. Kapitel: Involving another Journey, and an Antiquarian Discovery; Recording Mr. Pickwick’s Determination to be present at an Election; and containing a Manuscript of the old Clergyman’s
Das 11. Kapitel am 11.11.11 – was für ein Spaß. Wohl weniger für die Mitglieder des unsterblichen Pickwick-Clubs. Ein archäologischer Fund, ein kleiner Stein mit einer Inschrift, entzückt unseren Mr. Pickwick und seine Freunde. Doch der Jubel währt nicht lang, denn Mr. Blotton – offenbar ein missgünstiger und neidischer Besserwisser – stellt – ungeheuerlich! – Nachforschungen an und findet doch tatsächlich heraus, dass jene geheimnisvolle Inschrift
um
P S H I
S. M.
ARK
womöglich gar nicht so alt ist, wie die Herren Pickwick, Tupman, Snodgrass und Winkle annehmen. Ja, der Urheber jener rudimentären Zeichen lebt sogar noch und wollte nur
schreiben. Ärgerlich für die Pickwicker, amüsant für den Leser.
Ernster und schauriger hingegen das Manuskript eines Wahnsinnigen, dass der Pfarrer von Dingley Dell Mr. Pickwick mitgegeben hat. Schlaflos nach seinem aufregenden Fund, liest er dieses schauderhafte Dokument mitten in der Nacht. Darin berichtet eben jener namenlose Wahnsinnige von seinem Reichtum und seinen Mordgedanken. Die schlossen sogar seine junge Ehefrau mit ein, die ihn nicht aus Liebe, sondern aus finanzieller Not geheiratet hatte. Ihr qualvoller Tod reicht ihm noch nicht, er will auch Rache an den Brüdern der Dame nehmen, die ihm die Liebe der Verstorbenen zu einem anderen Mann verheimlicht haben. Sein Angriff auf einen der Brüder bringt jenen Wahnsinnigen letztendlich ins Irrenhaus.
Gewalt, geschildert aus der Sicht des verrückten Angreifers – das hat was. Zweifelsohne eine beeindruckende Schilderung des Wahnsinns und ein kurzes Schlaglicht auf den Umgang mit Geisteskranken zu jener Zeit. Wie schon der alkoholkranke Schauspieler, so zeigt auch das Manuskript des Wahnsinngen, über welche klare und exakte Beobachtungsgabe Charles Dickens bei der Beschreibung von Krankheiten verfügte.
11. November 2011 Hinterlasse einen Kommentar

