Pickwick Papers | 10. Kapitel: S. 196 – 211

10. Kapitel: Clearing up all Doubts (if any existed) of the Disinterestedness of Mr. A. Jingle’s Character

Zweifel hatte es nicht gegeben: Alfred Jingle ist ein geldgieriger Schurke, der die arme Miss Wardle nur betörte, um an ihr Geld zu kommen. Nun also ist es endgültig klar – wie es ja auch die Überschrift verspricht – und der Anwalt Mr. Perker feilscht mit ihm um die Summe, die Mr. Jingle bekommen soll, damit er seine erworbene Heiratslizenz wegwirft und die alte Jungfer wieder zu ihrem Bruder und seiner Familie heimgehen lässt. Denn Mr. Wardle und sein tapferer Begleiter, Mr. Pickwick, haben nach ihrer holprigen Verfolgungjagd nun doch noch Glück gehabt und spüren das im 9. Kapitel geflohene Paar im 10. Kapitel in einem Londoner Gasthof auf.

Das wiederum bietet Dickens die Gelegenheit, einen klitzekleinen, biographischen Hinweis einzubauen. In dem Gasthof White Hart Inn, in dem das flüchtende Paar von Mr. Wardle und Mr. Pickwick gestellt wird, arbeitet der bodenständige Samuel Weller als Stiefel- und Schuhputzer, der hier seinen ersten Auftritt hat. Weller ist eine weitere, sehr typische Dickens-Figur – Diener, freundlich, kantig, spricht Cockney-Slang. Und er putzt fleißig Schuhe:

„Stimulated by this inspiring reflection, Mr. Samuel brushed away with such hearty good-will, that in a few minutes the boots and shoes, with a polish which would have struck envy to the soul of the amiable Mr. Warren (for they used Day & Martin at the White Hart), had arrived at the door of number five.“

Der freundliche Mr. Warren, der hier so neidisch auf die glänzend geputzten Stiefel und Schuhe sein soll, weil Sam Weller das bessere Konkurrenzprodukt von Day & Martin benutzt, ist der ehemalige Chef von Charles Dickens, der in dessen Fabrik für Schuhwichse unter erbärmlichen Bedingungen als Laufbursche gearbeitet hat. Ob ein Autor heute so etwas noch schreiben und veröffentlichen dürfte, ohne gleich von Anwälten verfolgt zu werden? Und ist das eigentlich Product-Placement, was Mr. Dickens hier betreibt?

Pickwick Papers | 9. Kapitel: S. 186 – 196

9. Kapitel: A Discovery and a Chase

Schurke – was für ein interessantes Wort! Leider heute nur noch selten benutzt, wenn man mal von den berühmten „Schurkenstaaten“ absieht. „Villain“, „Wretch“ oder „Rascal“ – all diese Worte finden sich im Pickwick Club und stehen im Englischen für Halunken, Gauner, Lumpen, Spitzbuben oder eben auch Schurken. In der modernen Kriminalliteratur gibt es den „Kriminellen“, den „Killer“ (das sind die besonders bösen Buben), den „Verbrecher“ oder – neutralisierend – den „Täter“. Aber da die meisten modernen Kriminalromane sowieso nur den Mord kennen, erübrigen sich natürlich auch so schöne Begriffe wie Lumpen oder Schurken.

Ein ausgemachter Schurke ist sicher Alfred Dingle, der sich die alte Jungfer schnappt und mit ihr flüchtet. Der erzürnte Mr. Wardle und der tapfere Mr. Pickwick jagen dem Paar hinterher. Was Dickens hier inszeniert, ist eine filmreife Verfolgungsjagd mit Pferdekutschen. Was mich im Kino oft langweilt und eher eine Zurschaustellung von Technik ist – schnelle Autos rasen hintereinander her, dann kracht es, Explosion, Feuerball – bei Dickens wird es in seiner altmodischen Art zu einer stimmungsvollen Actionszene. Auch die komischen Elemente – falsch eingespannte Pferde und spitzbübische Stationswärter – werden von ihm in dieser Nachtszene eingesetzt. Dazu eine Prise Schauerromantik: Der Mond wird allmählich von Wolken verdeckt, Wind kommt auf, Regen setzt ein. Die finster-flotte Verfolgungsjagd nimmt ihr Ende mit einem Unfall der Verfolgenden, während der Schurke Dingle mit Jungfer und einem hämischen Lachen entkommt.

Wer dieser grandios erdachte Schurke ist – im kommenden Kapitel könnte es Aufklärung geben.

Pickwick Papers | 8. Kapitel: S. 170 – 186

8. Kapitel: Strongly illustrative of the Position, that the Course of True Love is not a Railway

Liebesverwicklungen – endlich!
Die Abwesenheit seiner Kumpanen hat der Schwerenöter Mr. Tupman genutzt, um unter einer Pergola seiner Angebeteten, der jungfräulichen Tante, wie sie im Original immer wieder genannt wird, Miss Wardle seine Liebe zu gestehen und – sie zu küssen! Skandal! Und wie so oft in Seifenopern – denn als solche darf man den Pickwick Club gelegentlich auch lesen – lauert das Ungemach in unterschätzten Zeitgenossen. Bei Miss Wardle und Mr. Tupman heißt es Joe, ist fett und schläft eigentlich ständig ein. Diesmal allerdings ist er hellwach, auch wenn er sich vom Anblick des Liebespaares unbeeindruckt zeigt. Eine wirklich grandiose Szene! Was er gesehen hat, hat er gesehen und plaudert alles bei Mrs. Wardle, der Mutter der unglücklichen Jungfrau, aus. Dieses Gespräch wiederum belauscht der zwielichtige Alfred Jingle und erpresst daraufhin die arme, unglückliche Jungfer. Denn sie hat das, was Frauen in dem Alter für junge Männer offenbar attraktiv macht – Geld. Zumindest unterstellt Mr. Jingle ihr das. Und so kann er auch gleich die Kunst der Doppelzüngigkeit zeigen und noch den gutgläubigen Mr. Tupman hintergehen. Ja, so gehört sich das bei echten Irrungen und Intrigen.

Bleibt die Frage, ob der Pickwick Club wirklich Seifenoper ist, oder ob hier noch mehr dahinter steckt? Ausgefeiltere und profiliertere Charaktere etwa, die sich mit sehr menschlichen Fragen und Schwächen beschäftigen. Tun das Seifenopern auch? Und wenn ja, wie oberflächlich geschieht das? Geht es da nicht nur um Effekte. Ist Dickens erster „Roman“ – ich tue mich mit dieser Bezeichnung etwas schwer – eine Abfolge liebevoller Humoresken, die auch fast 180 Jahre nach ihrer Entstehung immer noch lesenswert sind – ohne jegliche Effekthascherei? Bestimmt!

Pickwick Papers | 7. Kapitel: S. 154 – 170

7. Kapitel: How Mr. Winkle, instead of shooting at the Pigeon and killing the Crow, shot at the Crow and wounded the Pigeon; how Dingley Dell Cricket Club played All-Muggleton, and how All-Muggleton dined at the Dingley Dell Expense

Sport. Ja natürlich. Denn das war ja ein Anliegen des auftraggebenden Verlages: Der Pickwick Club sollte auch Impressionen von den sportlichen Aktivitäten auf dem englischen Lande liefern. Was wäre da naheliegender als das sehr englische Cricket. Somit werden wir Zeugen wie der Dingley Dell Cricket Club grandios gegen die Herren von All-Muggleton verliert. Ob ich allerdings die Spielregeln wirklich verstehen werde? Dickens ist mir da keine große Hilfe gewesen, wie vor einigen Jahren auch Stephen Fry nicht, der ebenfalls ausführlichst ein Cricket-Spiel und seinen Ablauf schildert (ich glaube, es war in Der Lügner, bin mir aber nicht sicher). Die Muggeltons sind übrigens sehr basisdemokratische Menschen, wie Dickens wunderbar ironisch schildert.

Vorher jedoch ein großes Drama: Mr. Winkle schießt versehentlich den liebestollen Mr. Tupman an, was wiederum Mr. Pickwick erzürnt. Sollten sich hier erste Zwistigkeiten zwischen den Herren andeuten? Für Mr. Tupman könnte sich seine, nicht allzu schwere, Verletzung noch als glücklicher Wink des Schicksals herausstellen. Das verspricht jedenfalls die Überschrift des achten Kapitels.

Was mich dann aber doch erstaunt, dass man Krähen offenbar essen kann, denn das Missgeschick zwischen Mr. Winkle und Mr. Tupman ereignet sich bei der Jagd auf eben diese Vögel. Und der schlafkranke und dicke Joe freut sich über die Beute seines Herren:

„There was a smile upon the youth’s face as he advanced. Indistinct visions of rook-pie floated through his imagination. He laughed as he retired with the bird—it was a plump one.“

Womit festgestellt sei, dass die Überschrift auch hätte kürzer ausfallen können: Krähen & Cricket. Und schon eile ich weiter zum achten Kapitel, das endlich etwas Liebeswirren verspricht.